Mehrsprachigkeit gezielt und strukturiert fördern
18. Juni 2010 von Anja Stahmann

Grüne diskutierten über Sprachförderung in Kita und Schule
Wann und wie können Kinder am besten beim Spracherwerb unterstützt werden? Welche Voraussetzungen müssen Sprachtests erfüllen und sind sie überhaupt ein geeignetes Mittel, um über die Förderung von Kindern zu entscheiden? Diese und andere Fragen diskutierten die grünen Bürgerschaftsabgeordneten Anja Stahmann und Zahra Mohammadzadeh gemeinsam mit BildungsexpertInnen jüngst im Alten Fundamt.
Sprachwissenschaftlerin Prof. Katja Francesca Cantone informierte die Gäste über die Rolle der Sprache in der Bildung und die Anforderungen an frühkindliche Sprachförderung. Dabei sprach sie sich für eine deutliche Unterscheidung zwischen Lernen und Erwerb von Sprache aus: „Der Spracherwerb geschieht unbewusst, spielerisch und mühelos.“ Die Sprachwissenschaft kenne keine Kategorien wie „Norm“ oder „Fehler“ – Kinder würden sich immer an der Sprache der Erwachsenen orientieren. Die Konsequenz: Frühkindliche Sprachförderung dürfe nicht in Form von Unterricht erfolgen. Stattdessen müsse man Kindern in ihrem Alltag vielfältige Anregungen bieten, um ihre Sprachfähigkeiten zu entwickeln.
Zum Thema „Sprachtests“ merkte die Sprachwissenschaftlerin an, es gebe zwar klar formulierte wissenschaftliche Kriterien, in der Praxis halte sich aber kaum ein Test daran. Der CITO-Test, der in Bremen angewendet wird, sei zwar objektiv, treffe aber keine ausreichenden Aussagen über die Form der notwendigen Sprachförderung. Auch die Situation von mehrsprachig aufwachsenden Kindern finde bei den meisten Erhebungsverfahren zu wenig Beachtung.
Sprachförderung in Kita und Schule2Anja Stahmann (r.) diskutierte mit ExpertInnenDie Elternvertretungen betonten, sie seien grundsätzlich für Sprachstandserhebungen im Kindergartenalter. Achim Boot vom Zentral-Eltern-Beirat Bremen zeigte sich erfreut darüber, dass die Grünen sich intensiv mit der Zukunft der Sprachförderung auseinandersetzen. Die Elternvertretungen seien auf jeden Fall bereit, sich auch in Zukunft konstruktiv einzubringen. Einhellig sprachen sich Achim Boot und Katharina Zimmermann von der Zentral-Eltern-Vertretung der Kindertagesstätten für eine möglichst frühe Sprachförderung aus. Sprachtests müssten wissenschaftlich abgesichert sein und differenzierte Diagnosen ermöglichen.
Die migrations- und integrationspolitische Sprecherin der Grünen, Zahra Mohammadzadeh, hob hervor, dass es wichtig sei, sich beim Thema Sprachförderung nicht ausschließlich auf die deutsche Sprache zu konzentrieren. Mehrsprachigkeit sei beim Erwerb der deutschen Sprache kein Hindernis, sondern eine Bereicherung. Kenntnisse in der Herkunftssprache der Familie seien für die Persönlichkeitsentwicklung unerlässlich. Zahra Mohammadzadeh: „Sicherheit in der Muttersprache verleiht den Kindern das Selbstbewusstsein, sich auch in andere Sprachen vorzuwagen. Daher ist es notwendig, Mehrsprachigkeit gezielt und strukturiert zu fördern.“
Anja Stahmann, bildungspolitische Sprecherin der Grünen, freute sich über die konstruktiven Beiträge der TeilnehmerInnen: „Wir konnten aus der Diskussion viele Anregungen für unsere Arbeit mitnehmen – wir werden die Anregungen und Forderungen ernst nehmen und politisch beraten.“